Autor Thema: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat  (Gelesen 1500 mal)

Krümelsmama

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Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« am: Juni 15, 2016, 22:06:09 Nachmittag »
Hallo zusammen,
wir vermuten bei unserem mittleren Sohn eine Hochbegabung und sind im Moment extrem verunsichert. Er konnte sich schon immer ungewöhnlich lange auf ein Spiel oder eine Aufgabe konzentrieren, hat sich sehr für feinmotorische Sachen und Musik interessiert... Mit 3,5 Jahren fragte er ein paar Wochen lang nach diversen Buchstaben, die sein großer Bruder gerade in der Schule lernte. Im März ist er vier Jahre alt geworden und kann mittlerweile auch längere Sätze lesen. Sein sehnlichster Wunsch zum Geburtstag war ein "Lies mal"-Heft. Mittlerweile hat er schon das dritte.

Jetzt fragen wir uns natürlich, ob wir irgendetwas in Richtung Test, vorzeitige Einschulung etc. unternehmen sollten. Regulär würde er 2018 eingeschult werden. So aus dem Bauch heraus möchten wir ihn auch eigentlich nicht früher schicken. Er fühlt sich in seiner Kigagruppe sehr wohl. Obwohl er mit Gruppen von vielen Kindern eigentlich nicht so gut kann, ist er dort gut angekommen und hat eine nette Truppe von Freunden, die alle in seinem Alter sind. Außerdem habe ich oft das Gefühl, dass er sich in der Schule noch nicht zurecht finden würde. Er ist komplexen Situationen, zB Räumen mit vielen Menschen oder Unordnung, schnell überfordert. Dann bekommt er Angst und ist so ablenkbar, dass er sich auf einfachste Aufträge (zB Schuhe anziehen) nicht mehr konzentrieren kann. Das führt im Alltag oft zu Problemen und Ärger. Die Erzieher haben ihn - soweit wir das beurteilen können - gut im Blick. Es ist eine Inklusionsgruppe, in der sie die Kinder sehr differenziert betrachten und der Kontakt zwischen Eltern und Erziehern ist sehr gut. Also würden wir unserem Sohn eigentlich gerne noch die Zeit im Kiga gönnen und ihn zusammen mit seinen Freunden zur Schule schicken. Wir bemühen uns, ihn zu Hause zu fördern mit Lesematerial, Musikstunden... was ihn eben interessiert.

Andererseits merken wir auch, dass er immer mehr den Kasper gibt. Langeweile führt schnell zum Ausflippen. Er provoziert manchmal extrem und diskutiert um alles und jedes, sodass der Umgang mit ihm manchmal wirklich schwierig ist. Könnten das Anzeichen einer Unterforderung sein? In gewissem Maße ist das ja bei Kids in dem Alter normal, aber er fordert gerade schon sehr viel Aufmerksamkeit.

Jetzt haben wir natürlich Angst, irgendwie einen Handlungsbedarf zu übersehen. Aber wir wissen auch nicht, ob ein Test derzeit überhaupt etwas ändern würde. Und wir wollen unser Kind ja auch nicht trimmen. Sind einfach etwas verunsichert.

Kann jemand von euch uns einen Rat geben, worauf wir achten oder wohin wir uns wenden können? Wir wohnen übrigens im Rhein-Main-Gebiet.

Vielen Dank schon mal.

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Re: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« Antwort #1 am: Juni 16, 2016, 08:36:42 Vormittag »
Hallo Krümelsmama,

herzlich willkommen hier. Ein fittes Bürschchen habt ihr da, so viel weißt du ja schon. Ob ihr ihn testen lassen sollt, hängt immer mit der damit verbundenen Fragestellung ab. Diese könnte sein vorzeitig Einschulen oder nicht. Allerdings sieht man ja auch so deutlich, dass er seiner Zeit schon deutlich voraus zu sein scheint.
In welchem Bundesland seid ihr denn? Wenn es Bayern ist, dann braucht ihr wohl sogar einen Test für eine vorzeitige Einschulung, andernorts reicht auch die Einschätzung von Schule und Amtsarzt.

In sein Verhalten jetzt kann natürlich auch schon eine Unterforderungssituation hineinspielen. Ich denke das Ausmaß an Forderung und Förderung das ein Kind solcher Kategorie braucht, können die wenigsten Kita-Erzieher und Grundschullehrer ermessen. Die Ausbildung von Inklusionsfachkräften beruht schwerpunktmäßig auf Kindern mit Sprach- oder Lernproblemen oder Behinderungen, also das komplett entgegengesetzte Spektrum dessen was ihr mit eurem Sohn habt. Ich gehe davon aus, dass die von den Bedürfnissen von Kindern mit hohen Begabungen noch nie etwas gehört haben. Und das auch, weil ich derzeit live erlebe, was Thema ist im Bereich Sonderpädagogik.

Bis 2018 sind es zwei Jahre. Es ist nicht nur die Frage, wie ihr die Zeit bis dahin überbrücken und ihm die Zeit im Kindergarten angenehm machen könnt sondern auch, auf welchem Stand wird er sein, wenn er dann eingeschult werden soll. In zwei Jahren wird er ungeheuere Fortschritte gemacht haben. Unsere Tochter war mit vier auf einem ähnlichen Stand und hat noch mit fünf Jahren angefangen den ersten Band Harry Potter zu lesen. Der  stand hier im Regal von meiner älteren noch. Zu der Zeit ging die Kleine aber bereits in die Schule. Wir haben vorzeitig eingeschult. Andere Kids waren auf dem Niveau frühstens mit 8 Jahren. Die haben quasi angefangen damit, als meine alle Bände durchgelesen hatte.  p)

Daher ist die Frage, was soll er lernen, wenn er in zwei Jahren eingeschult wird? Er ist schon jetzt auf dem Stand Ende erster Klasse bzgl des Lesens. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bezüglich Rechenfertigkeiten so viel anders aussieht.

Was passiert dann, wenn er in zwei Jahren eingeschult wird? Da scheint Langeweile schon vorprogrammiert, wenn er nicht auf eine Lernsituation trifft, die ihm entgegen kommt. Du müsstest dich wirklich umhören, wie aufgeschlossen euere Schule ist bzw was sie leisten kann. Es gibt Schulen, die schaffen es, ein solches Kind bei der Stange zu halten. Wobei ich eigentlich auch nur Beispiele mit Mädchen kenne. Die sind aber braver, ruhiger und anepasster als Jungs.

Ich habe mit der Grundschule die Erfahrung, die ich oben schon beschrieben habe. Lehrer sind zwar bemüht, können allerdings nicht angemessen differenzieren, weil sie das Niveu auf dem das Kind steht, einfach nicht vernünftig erfassen können. Differenzierung gab es hier für fitte und fleißige Normalbegabte. Unser Kind hat sie nicht erreicht. Vlt sind ja eure Lehrkräfte bemühter und besser informiert. Ich weiß es nicht.

Bei einem Kind das jetzt schon liest, denke ich an vorzeitige Einschulung und auch nächstes Jahr eingeschult, wird er sich dennoch langweilen. Das ist aus meiner Sicht wohl keine Frage. Doch es lässt sich vlt besser abfangen, als wenn ihr zwei Jahre wartet.


Einen Rat möchte ich dir noch geben. Du solltest solche Dinge besser nicht allgemein im Elternkreis der Kita oder im Elternkreis des Geschwisterkindes besprechen, sondern ausschließlich mit Menschen, von denen du sicher weißt, dass sie euren Sohn und eure Situation gut genug kennen. Du könntest in die Eislaufelternschublade wandern, wenn du allzu offen über das redest, was dich bezüglich deines Sohnes gerade bewegt. ;)








« Letzte Änderung: Juni 16, 2016, 08:44:12 Vormittag von Anekdote »
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Krümelsmama

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Re: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« Antwort #2 am: Juni 16, 2016, 12:45:57 Nachmittag »
Erstmal vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Und besonders für den letzten Rat 8). Es gehört für mich gerade zu den Problemen der Situation, dass man sich nicht einfach so mit anderen Eltern auf dem Spielplatz darüber austauschen kann... Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, mit meinem klugen Kind angeben zu wollen, sondern wünsche mir eigentlich wirklich Rat und Hilfe.

Beim Gedanken an eine frühere Einschulung habe ich vor allem Angst, dass er dort sozial untergeht. Er ist manchmal nur schwer dazu zu bewegen, einen Raum mit vielen Menschen zu betreten, kann seine Sachen nicht zusammenhalten. Eine Anweisung wie "Schuhe anziehen" oder "Aufräumen" muss man ihm immer mehrfach sagen und ihn am besten dabei an die Hand nehmen, damit er nicht zwischendrin von irgendwas abgelenkt wird... Eben wie ein Kind seines Alters und nicht wie schon fast schulreif. Dazu kommt, dass er im März geboren und damit schon für seinen regulären Jahrgang relativ jung ist.

Wie unsere Grundschule in dieser Hinsicht arbeitet, weiß ich nicht. Wir haben bisher nur einen Erstklässler. Aber ich habe schon überlegt, mich mal mit seiner Lehrerin oder dem Schulleiter (beide sehr nett) über das Thema zu unterhalten. Von anderen Eltern weiß ich nur, dass sie Kann-Kinder nur ungern vorzeitig nehmen. Da fahren sie wohl eher die Linie "Später einschulen und dann ggf. springen lassen."

Oder meint ihr, wir sollten uns mal an eine Beratungsstelle wenden? Ich will unseren Sohn ja auch nicht verunsichern, indem ich ihn zu allen möglichen Stellen schleife. Wir wohnen übrigens in der Nähe von Wiesbaden.

Auf jeden Fall ist es schon mal gut, hier unbefangen mit jemandem reden zu können.


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Re: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« Antwort #3 am: Juni 16, 2016, 18:42:31 Nachmittag »
Hallo,

ich glaube, es ist in Hessen generell eher so, dass man nicht gerne vorzeitig einschult. Wenn ihr in Wiesbaden seid, hätte ich den idealen Ansprechpartner für euch. Ich meine Thomas Eckerle von der Hochbegbtenhilfe http://hochbegabtenhilfe.de

Doch wenn dein Sohn annähernd in Richtung Hochbegabung gehen würde, dann hättet ihr eben den Beleg, dass seine Fertigkeiten Produkt einer höheren Begabung sind und nicht nur abgeschaut beim großen Bruder. Das wäre noch so eine Option und auch eine Aussage, die durchaus von der Schule kommen könnte. Obwohl ich eigentlich nicht glaube, dass man das Lesen mit drei oder vier Jahren erschließen kann, ohne eine gewisse kognitive Reife.

Nachteil eines Tests:
Er kostet Geld
Er kann falsch negativ sein, gerade in so jungem Alter.



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Re: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« Antwort #4 am: Juni 17, 2016, 08:01:45 Vormittag »
Hallo Krümelsmama,

auch ich würde Euch gerne Mut zur vorzeitigen Einschulung machen. Wir hatten einen ähnlichen Sohn, ebenfalls mit älterem Geschwisterkind. Er hat auch mit 3 Jahren angefangen zu lesen, mit 3,5 Jahren kurze Geschichten in Großbuchstaben geschrieben. Er hat Ende Mai Geburtstag, wäre also regulär mit 6,3 Jahren in die Schule gekommen. Als er 4,3 Jahre alt war, kam die Leiterin des KiGas auf uns zu und meinte, dass er früher eingeschult werden sollte - er ist hochsensibel und vor allem mit lauten unbekannten Situationen schnell überfordert. Zudem hat er eine geringe Frustrationstoleranz. Das alle sprach aber in den Augen der KiGa-Leiterin nicht gegen eine vorzeitige Einschulung. Im Gegenteil: in der Schule ist es viel leiser und geordneter als im KiGa und bezüglich der Frustrationstoleranz gab sie die Prognose, dass das wohl eine Baustelle sein wird, mit der er sein Leben lang zu kämpfen haben wird. - Sehe ich mir seinen Vater an, weiß ich, dass sie recht hatte ;)

Dieses Kind kam dann also mit 5,3 Jahren (in BaWü übrigens als reguläres Kann-Kind ohne irgendeinen weiteren Test) in die Schule. Seine Klasse war eine Kombiklasse 1./2., seine regulären Klassenkameraden alle sehr alt (alle Jungs 18 Monate älter als er), die Zweitklässler zum Teil sogar fast 4 Jahre älter als er. Trotzdem ging er von Anfang an sehr gerne in die Schule und erledigte auch langweilige Aufgaben mit wesentlich weniger Motzen als seine regulär eingeschulte Schwester. Obwohl er ein sehr langsamer Arbeiter ist, hat er bald bei den Zweitklässlern mitgemacht. Mittlerweile ist er in der 2. Klasse und geht 2 Tage in der Woche in die 3. Klasse, vor allem für Mathe. Das macht ihm viel Spaß, obwohl sein Lehrer schon erkannt hat, dass er wohl auch mit Leichtigkeit Aufgaben aus der 6. Klasse lösen könnte ...

Als einzigen Nachteil der Früheinschulung sehe ich eben, dass wir ihn so nicht gerne springen lassen möchten, d.h. die Lehrer versuchen möglichst, ihn in seiner Jahrgangsstufe zu füttern. Wäre er regulär eingeschult, hätten wir ihn springen lassen, so dass er sich ein Jahr Grundschule sparen könnte.

Voraussetzung für die Früheinschulung war natürlich, dass er selber unbedingt in die Schule wollte. Hätte er das nicht gewollt, hätten wir ihn natürlich im KiGa gelassen. Kinder wissen meistens sehr genau, was sie wollen - vor allem, wenn sie durch ältere Geschwister ja wissen, was auf sie zukommt.

LG

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Re: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« Antwort #5 am: Juni 17, 2016, 15:04:48 Nachmittag »
Das alle sprach aber in den Augen der KiGa-Leiterin nicht gegen eine vorzeitige Einschulung. Im Gegenteil: in der Schule ist es viel leiser und geordneter als im KiGa und bezüglich der Frustrationstoleranz gab sie die Prognose, dass das wohl eine Baustelle sein wird, mit der er sein Leben lang zu kämpfen haben wird. - Sehe ich mir seinen Vater an, weiß ich, dass sie recht hatte ;)  ---

Ja siehste, das hatte ich vergessen. Schön dass du es ansprichst.

Ich finde auch, in der Schule wird es in den meisten Fällen ruhiger zu gehen, als in der Kita. Zumindest während der Unterrichtszeiten. Es gibt einfach mehr Strukturen da.
Und eine gewisse Scheu vor Gruppen von Menschen bzw. diese nervige Geschichte mit dem Geräuschpegel, der einem auf den Geist geht. Sowas verwächst sich sicher auch nicht.

Ich hatte das schon als Kind. Ich hab, bevor der Lehrer kam, bei uns war es laut (max. 32 Kinder in der Klasse), regelmäßig ganz genervt dagesessen und gedacht, wenn es regelmäßig diesen Lärm zu ertragen gibt, ist der Lehrerberuf nichts für dich. Das hat sich bis heute nicht verloren.

Zu einem gewissen Maß wird er sich daran gewöhnen. Es gibt ja sicher die Möglichkeit zu schnuppern. Da kann er ja selbst sehen, ob er das möchte, oder ob er noch ein Jahr in der Kita bleiben möchte. Ich wäre gespannt, was er sagt. ;)
« Letzte Änderung: Juni 17, 2016, 15:13:17 Nachmittag von Anekdote »
Liebe Grüße
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Re: Test? vorzeitige Einschulung? Wir brauchen Rat
« Antwort #6 am: Juni 21, 2016, 11:58:32 Vormittag »
Hallo zusammen,
wir haben uns jetzt nochmal viele Gedanken gemacht und auch mit den Erzieherinnen gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir unseren Sohn wohl testen lassen werden. Dann wissen wir in gewissem Umfang was Sache ist und können überlegen, was er braucht. Danach werden wir nochmal das Gespräch mit dem Kiga und der Schule suchen.

Jetzt müssen wir nur noch entscheiden, wo wir mit ihm hingehen. Habt ihr da Tips worauf man bei einem so kleinen Kind achten sollte? Brauchen wir eine Überweisung vom Kinderarzt oder so?

Liebe Grüße!